Rituals


CD mit Tom Beets, Joris Van Goethem und Sören Sieg.
Spieldauer: 51:48
1. Karungi
Imbalu
2. Inemba
3. Lulwanda
4. Kamayiya
The Dervish and the Devil
5. Into
6. The Dervish and The Devil
Circus Suite
7. The Jugglers
8. Magic Bubbles
9. Acrobat Battle
10. Sad Song
11. Though it were ten thousand Mile
12. She's so excited
Rituale vermitteln Sinn. Sie strukturieren Zeit, formen Leben, halten Kulturen und Gesellschaften zusammen. In diesen Kompositionen habe ich mich inspirieren lassen von meiner Faszination für Rituale aller Art.
Imbalu handelt von einem Ritual der Bamasaba im Nordosten Ugandas: Drei Tage Tanz, Trommeln und Feiern um ein Initiationsritual, die mein Sohn und ich auf unserer Reise durch Uganda 2018 miterleben durften. Im ersten Satz, Inemba, geht es um die Vorfreude auf das Fest, die Erwartungen der Jungen, ihrer Familien, der Dorfgemeinschaft. Die Inemba ist ein marimba-ähnliches Instrument, das während der Feier gespielt wird.
Der zweite Satz, Lulwanda, beschreibt die Nacht vor dem Ritual. Der Junge steht an der Schwelle zum Erwachsenwerden, blickt zurück auf die Leichtigkeit und Gedankenverlorenheit seiner Kindheit, und verabschiedet sich von dieser reinen Freude am Spiel, in der die Zeit stillzustehen scheint. Ein Moment zwischen Wehmut und Vorfreude.
Der dritte Satz, Kamayiya, portraitiert das Fest selbst, wild, ausgelassen, aufregend. Mittendrin zitiere ich eine traditionelle Melodie. Das Stück verbindet afrikanische Rhythmen und Folk-Elemente mit französischem Impressionismus!
The Dervish and the Devil handelt von einem Sufi-Ritual, das seit über 800 Jahren praktiziert wird. Ich durfte es letztes Jahr im türkischen Teil Zyperns erleben. Das Herumwirbeln symbolisiert das Kreisen der Planeten um die Sonne, eine Reise zu Gott, die das Ich los- und hinter sich lässt. Nach einer dunklen, meditativen Einleitung, die an ein feierliches Gebet in einem mittelalterlichen Kloster erinnert, taucht die Musik ein in das Universum arabischer Flötenmusik. Das zunehmend ekstatische Herumwirbeln findet seinen musikalischen Ausdruck in immer kürzer werdenden Takten, die Intensität und Dichte nimmt beständig zu, während die Musik ihrem Höhepunkt entgegenrast: Arabischer Bebop!
Auch der Zirkus ist ein Ritual: Ein Ritual der Illusion, der Unterhaltung, der Komik, der Dressur, der Akrobatik und Virtuosität der Bewegung. Diesem Ritual habe ich meine Circus Suite gewidmet. The Jugglers und Acrobat Battle gehören daher unvermeidlich zu den virtuosesten Stücken des Albums. Ich bin besonders stolz auf die düsteren Ostinati der tiefen Blockflöten im Acrobat Battle – und vermutlich habe ich niemals so sehr geklungen wie Sergej Prokofieff! Im absoluten Gegensatz dazu sehen wir in Magic Bubbles vor unserem geistigen Auge Seifenblasen sanft durch die Zirkusarena schweben wie durch einen einsamen Nachthimmel, süße Erinnerungen weckend.
In Though it were ten thousand Mile geht es darum, nach Hause zu kommen. Es ist vielleicht das Stück auf dem Album, das die Stärken der Blockflöte am meisten ausspielt. Inspiriert wurde es von dem wundervollen Gedicht A Red, Red Rose von Robert Burns, das mir beim Lesen immer die Tränen in die Augen treibt – warum genau, weiß ich auch nicht. Ich wollte, dass die Melodie an traditionelle Flötenmotive eines schottischen Schafhirten erinnert und die ungebremste Sehnsucht derer ausdrückt, die zehntausend Meilen von ihrer Heimat entfernt sind und von den Menschen, die sie lieben, die ihnen etwas bedeuten, im Zweifel ihr ganzes Leben. Umso größer ist die Freude am Ende im Moment der Heimkehr.
Drei hochemotionale Stücke rahmen das Album.
Karungi – auf Luganda bedeutet es Schönheit – ist die Meditation über eine Melodie, die nur aus drei Tönen besteht und insofern meinem von Erik Satie inspirierten Ideal der minimalistischen Schönheit entgegenkommt. Die Melodie folgt exakt dem Fluss der Begleitlinie des ersten Satzes der Suite Inside Kampala.
Sad Song ist eine streng vierstimmige Komposition und eine kleine Hommage an die polyphone Klarheit und Transparenz Johann Sebastian Bachs.
Die ‚Zugabe’ des Albums, She’s so Excited, kehrt zurück zu meinem fröhlichen „Afrikanischen Stil“ mit seiner hypertonalen Beschränkung des Tonraums auf die sieben Töne der Durtonleiter – die musikalische Sprache, mit der ich mir vor mehr als 30 Jahren in der Blockflötenwelt einen Namen gemacht habe.
Ich bin Tom und Joris zutiefst dankbar für das wundervolle Zusammenarbeiten und Zusammenspielen. Eure unerschöpfliche Musikalität, Kreativität und Spielfreude haben meine Stücke aufblühen lassen! Mehr kann man sich als Komponist nicht wünschen.
Die Noten zu den Stücken dieses Albums erhaltet Ihr auf www.soerensieg.de.